Vorwort 8/10
Kürzlich, als ich mal wieder im Redaktionsauftrag in Frankreich war, traf ich dort neben einigen anderen interessanten Kradlern, eine Motorradfahrerin aus Bayern, die mir beim abendlichen Essen am gemeinschaftlichen Tisch eine interessante Frage stellte: "Wieso fahrt ihr in Norddeutschland eigentlich Motorrad? Da gibt es doch gar keine Kurven!"
Im ersten Moment war ich platt, weil wir alle natürlich wissen, daß wir auch im Norden Kurven haben. Schließlich gehört auch das Weserbergland oder der Harz beispielsweise zu Norddeutschland. Wenn man aber, wie ich, in der Nähe von Bremen wohnt, gestaltet es sich mit der Kurverei schon etwas schwieriger und wenn man den Spaß am Kradfahren nur aus den Ecken holt, kann man die Lust schon leicht verlieren. Obwohl ich viel mit dem Krad im Süden, speziell Süd-Frankreich, unterwegs bin, habe ich die Freude am Fahren auch in meiner kurvenarmen Gegend nicht verloren. Woher das kommt? Weil Motorrad fahren für mich mehr ist als nur schräg durchs Gewinkel sausen. Schon wenn ich den Motor starte, ist das etwas ganz anderes als einen Automotor anzulassen. Die Technik beginnt zu leben, jeden kurzen Dreh am Gas merke ich zwischen den Schenkeln. Der Fahrtwind lässt mich Leben spüren, ich bin voll in der Natur und eins mit dem Krad. Wenn ich Gas gebe lausche ich dem Motor und einen Bremsvorgang merkt man im Gegensatz zum Autofahren auch am ganzen Körper. Bei keinem anderen Fahrzeug fühlt man das Fahren so direkt (ausser Lanz Bulldog). Dafür ist nicht unbedingt eine Kurve nötig. Wenn es die Cops auch nicht so gerne sehen, so schwinge ich doch ab und zu auch mal auf der Geraden mit dem Krad übermütig hin und her (Bitte jetzt keine Zeigefinger-Leserbriefe). Das alles kann mir ein Rollkäfig nicht im entferntesten geben.
Wenn ihr´s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen, zitierte ich aus Faust noch zum Abschluß in die ungläubigen Augen der Bayerin. "Ja, ja," war ihre Antwort, " so kann man aus der Not eine Tugend machen.
Berthold Reinken
